Detox,  TCM Ernährung

Heilung duch Verzicht? Detox und Fasten aus Sicht der TCM

Ein Plädoyer für das Weniger.

Radikal oder basisch, in Intervallen oder mit Heilwirkung: Fasten ist und bleibt gerade im Frühling ein populäres Thema. Neue Diäten, Abnehm-Shakes und Online-Programme schießen dazu wie Pilze aus dem Boden. Vor einigen Jahren waren Diäten hauptsächlich auf die nahende Bikini-Saison und den angesammelten Winterspeck ausgelegt. Heute kommt meiner Meinung nach (wieder) eine spirituelle Komponente dazu. Wir fasten auch ohne nennenswertes Übergewicht. Wir fasten, um uns zu entlasten, innerlich wie äußerlich. Und wir detoxen oder entgiften, um uns zu reinigen und loszulassen, körperlich und seelisch. Fasten ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheitsgeschichte. Entsprechende Rituale gibt es in allen großen Religionen. Im Christentum, im Islam und im Judentum. Ob Buddha, Moses oder Jesus. Sie alle haben eine Zeit lang auf feste Nahrung verzichtet. Warum?

Feuchtigkeit im Frühling ausleiten

Es macht durchaus Sinn den Körper zu Beginn des Frühlings von humor (= Feuchtigkeit) und Toxinen zu befreien. Im Winter essen wir sehr wärmend, bereiten die Speisen deftiger zu und naschen gerne süße Plätzchen und Co. Da sammelt sich leicht Feuchtigkeit an. Zu viel davon macht auf Dauer krank, dick und müde. Diese Trägheit spiegelt sich auch im Denken wider. Eine gesunde Mitte trennt das Klare vom Trüben. Das Klare steigt auf, das Trübe wird ausgeschieden. Funktioniert diese Trennung nicht gut – oft hervorgerufen durch zu viel befeuchtende Lebensmittel – entsteht die Feuchtigkeit, die letztendlich auch den Geist benebelt. Sie erzeugt dieses unschöne „schwammige Gefühl im Kopf“ und sorgt dafür, dass wir uns und die Signale unseres Körpers im Alltag oft überhören. So entsteht irgendwann das Bedürfnis, sich von diesen Schlacken zu befreien. Beim Fasten leiten wir über die Poren und den Dickdarm alles Trübe und die Feuchtigkeit aus. Der Dickdarm gehört genau wie die Haut zum Funktionskreis Lunge. Beide Organe sind Ausscheidungsorgane. Detox oder Fasten sind also nie nur körperlich, sondern haben auch eine geistig-seelische Komponente. Wir lassen Belastendes los, um den Zugang zu uns selbst wieder zu finden.

Dass wir meist im Frühling Fasten ist kein Zufall. Der Frühling steht in der Chinesischen Medizin für das Element Holz und ist die Zeit der Leber und des kleinen Yang. Die Natur erwacht, das Grün beginnt zu sprießen und auch in uns regen sich die Lebensenergie und der Wunsch nach Reinigung und Erneuerung. Das Yang bahnt sich seinen Weg, oft allerdings gehemmt von einer bleiernen (Frühjahrs-)Müdigkeit. In der TCM sagt man, die Müdigkeit sei der Schmerz der Leber. Hervorgerufen durch zu viel Feuchtigkeit, die die Mitte produziert. Da kommt uns eine Fastenkur gerade recht.

Wenn man merkt, dass man gegessen hat, hat man schon zu viel gegessen.

Sebastian Kneipp
Der Mensch kann gut mit Fastenperioden umgehen

Doch wie gesund ist eine längere Fastenzeit? Evolutionär gesehen, kann der der Mensch gut einige Tage ohne Nahrung auskommen – ohne schwerwiegende gesundheitliche Probleme zu bekommen. Andernfalls würden wir nicht mehr existieren. Es gab immer gute und schlechte Ernten, Phasen der Dürre und harte Winter. „So hervorragend der Körper – aufgrund der langen Anpassung – mit Hunger und Fastenzeiten umgehen kann, so wenig ist er imstande, das Überangebot an Nahrung zu verkraften, an das sich unsere Gene noch nicht adaptiert haben“, sagt Prof. Dr. Andreas Michalsen in „Heilen mit der Kraft der Natur.“ Er erläutert auf vielen Seiten die gesundheitlichen und wissenschaftlich bewiesenen Vorzüge des (Heil-)Fastens – vor allem bei Erkrankungen wie Rheuma, Diabetes, Bluthochdruck oder Migräne. Generell und präventiv rät er zu einer reduzierten und entlastenden Ernährung ohne Zwischenmahlzeiten und mit einer 14-stündigen Essenspause (also zum Intervallfasten) sowie zwei Reis- oder Obsttagen im Monat.

Ingwertee
Ingwertee, ein beliebtes Fasten- und Detox-Getränk
Entlasten statt Fasten – die Sicht der Chinesischen Medizin

In der TCM wird Fasten sehr differenziert betrachtet. Einig sind sich die Chinesische Medizin und Prof. Dr. Michalsen was Diäten angeht. Die klassischen Crash- und Frühlingsdiäten verfolgen meist willkürliche Strategien zum Gewichtsverlust, dies führt über einen längeren Zeitraum gesehen zu einer Gewichtszunahme statt -abnahme. Die Nahrungszufuhr, oder chinesisch: das Nahrungs-Qi, wird drastisch reduziert. Der Stoffwechsel wird geschwächt und fährt herunter. Die langfristige Folge: Heißhunger, Verdauungsprobleme, Antriebslosigkeit, Frieren. Danach beginnt der JoJo-Effekt und für viele ein Teufelskreis. Der Körper schaltet auf Sparflamme und speichert alles was er bekommt.

Anders scheint es beim Heilfasten, z.B. nach Buchinger, zu sein. Dabei geht es nicht nur um eine Reduktion der Kalorien, sondern ein multidisziplinäres Konzept, dass die Psyche mit einschließt. Zur richtigen Durchführung gehören Bewegung, Darmhygiene, Ruhe und ausreichendes Trinken. Ebenso vorbereitende Tage sowie eine sich anschließende Aufbauphase. Ich rate sogar zu einer fachkundigen Begleitung durch einen Arzt oder in einer speziellen Klinik. Uneingeschränkt ist es nach TCM sicher nicht zu empfehlen, sondern erst nach Abklärung der körperlichen Konstitution. Natürlich nehmen auch Heilfastende wieder zu. Doch bisher vorliegende Beobachtungsstudien fanden laut Prof. Dr. Michalsen keinen Jojo-Effekt. Denn viele Teilnehmer berichten, dass sich dadurch etwas anderes einstellt: Ein verändertes Ernährungsbewusstsein.

So hervorragend der Körper – aufgrund der langen Anpassung – mit Hunger und Fastenzeiten umgehen kann, so wenig ist er imstande, das Überangebot an Nahrung zu verkraften, an das sich unsere Gene noch nicht adaptiert haben.

Prof. Dr. Andreas Michalsen
Dojozeiten zum Entlasten nutzen

Dieses ist auch das oberste Ziel der TCM. Hier nutzt man vor allem die so genannten Dojozeiten, um den Körper zu entlasten. Damit sind die Tage zwischen den Jahreszeiten gemeint, die dem Element Erde, also der Mitte und dem Verdauungssystem zugeordnet sind. Mit besonders mittenstärkender, also geschmacklich eher fader, und entlastender Ernährung bereitet man sich auf die kommende Jahreszeit vor. Dazu eignet sich eine Getreidekur, meist in Form von Reis. Reis stärkt nach TCM unsere Mitte, gleicht Diätfehler aus und leitet Feuchtigkeit aus dem Körper. Unterstützt von lauwarmen Wasser oder Kräutertees bleibt das Verdauungsfeuer erhalten und der Körper wird sanft gereinigt. Man nimmt also regelmäßig gutes Qi zu sich und entlastet gleichzeitig den Organismus. Da dabei regelmäßig gegessen wir, würde ich in diesem Zusammenhang auch nicht von Fasten sprechen, sondern von Entlasten.

Generell gilt: Fasten ist nicht gleich Fasten und was dem einen gut tut schadet eventuell dem anderen. Menschen mit wenig Substanz und schwachem Yin, Kranke, Stillende, Schwangere, Menschen mit Herzerkrankungen oder Untergewicht sollten ganz darauf verzichten. Im Zweifel rate ich: Ab zum Arzt und absegnen lassen. Es heißt also, genau hinzuschauen und individuell vorzugehen – vor allem wenn man längere Fastenperioden plant.

Mein persönliches Fazit

Wir leben heute mit einem ständigen Überangebot, nicht nur an Lebensmitteln und Nahrung. Auch an Kleidung, Medien und unendlich vielen Möglichkeiten. Wir konsumieren vieles ohne darüber nachzudenken und genauso essen wir (leider) auch oft. Aus Langeweile oder Frustration. Die Zeichen des Körpers werden geflissentlich überhört.

So macht es für mich Sinn, sich immer wieder die Zeit zu nehmen, um zu reflektieren. Was esse ich wann und warum? Wie steht es um meine Verdauung? Kneifen die Jeans? Im Alltag kommt das meist zu kurz, deshalb ist es wunderbar, dass die verlässlich wiederkehrenden Dojozeiten oder die religiösen Fastenzeiten uns daran erinnern, wie wichtig es ist, insgesamt weniger zu essen statt mehr. Im Magen sollte immer ein Drittel frei bleiben. Dabei sollten wir auf die Psyche achten und einen ganzheitlichen Weg einschlagen. Für einen klaren Geist und ein gutes Bauchgefühl.

Zum Weiterlesen

In der Rubrik Rezepte findest du außerdem zwei Suppen, die zum Entlasten und Detoxen geeignet sind sowie einen Reisbrei mit Azukibohnen.

Wenn du dich für eine Getreidekur interessierst, lege ich dir mein eBook „Loslassen. Entgiften nach Traditioneller Chinesischer Medizin “ ans Herz.

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